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Verdacht auf Herzinfarkt: Was Sie als Ersthelfer tun müssen

Druck in der Brust, kalter Schweiß, Angst: Beim Herzinfarkt zählt jede Minute. So erkennen Sie die Anzeichen – auch die untypischen – und so helfen Sie richtig, bis der Rettungsdienst da ist. Mit Animationen und belegt durch Studien.

SoftAid-Team9 Min. Lesezeit
SoftAid-Kursleiter lächelt vor einer Leinwand mit einem Herzmodell und dem Brustkorb einer Übungspuppe

Ein Kollege fasst sich an die Brust, wird blass, sagt „Geht gleich wieder“. Genau in diesem Moment entscheidet sich oft, wie ein Herzinfarkt ausgeht. Denn das Gefährlichste beim Herzinfarkt ist nicht der Mangel an Hilfe – sondern das Warten.

2024 starben in Deutschland 41.258 Menschen an einem akuten Herzinfarkt, rund 186.700 wurden deswegen im Krankenhaus behandelt (Deutscher Herzbericht 2026). Als Ersthelferin oder Ersthelfer können Sie vor allem eines tun: schnell erkennen, sofort 112 wählen und die Zeit bis zum Rettungsdienst gut überbrücken. Wie das geht, zeigen wir Ihnen hier – Schritt für Schritt.

Was passiert bei einem Herzinfarkt?

Bei einem Herzinfarkt verschließt sich ein Herzkranzgefäß, meist durch ein Blutgerinnsel an einer verengten Stelle. Der Teil des Herzmuskels dahinter bekommt keinen Sauerstoff mehr und beginnt abzusterben. Je länger das Gefäß zu bleibt, desto mehr Muskel geht verloren – Ärzte sagen dazu „Time is muscle“.

Das ist gut belegt: In einer Auswertung von 1.791 Infarktpatienten stieg das Sterberisiko im ersten Jahr mit jeden 30 Minuten Verzögerung um 7,5 % (De Luca et al., Circulation 2004). Und es gibt eine zweite Gefahr: Ein Infarkt kann jederzeit in Kammerflimmern übergehen – dann steht das Herz praktisch still, und nur Herzdruckmassage und Defibrillator helfen.

Die Anzeichen: Nicht jeder Herzinfarkt tut in der Brust weh

Das klassische Bild kennen die meisten: starker Druck oder Enge hinter dem Brustbein, der in den linken Arm ausstrahlt. Doch der Schmerz kann auch an ganz anderen Stellen sitzen – die Animation zeigt, wo.

Wo der Schmerz sitzt

Oberkörper mit den Stellen, an denen ein Herzinfarkt schmerzen kann
  1. BrustDruck, Enge oder Brennen hinter dem Brustbein, länger als 5 Minuten
  2. Linker ArmAusstrahlung in den Arm – oft links, manchmal beide Arme
  3. Hals und KieferZiehen im Hals, Unterkiefer oder in den Zähnen
  4. RückenSchmerz zwischen den Schulterblättern
  5. OberbauchDruck im Oberbauch, Übelkeit, Erbrechen
  6. Dazu oft: kalter Schweiß, Atemnot, Blässe, Schwindel, Angst
Typische Stellen: Brust, Arm, Hals und Kiefer, Rücken, Oberbauch – oft mit kaltem Schweiß, Atemnot und Angst.

Bei Frauen oft anders

In einem US-Register mit über einer Million Infarktpatienten hatten 42 % der Frauen und 31 % der Männer überhaupt keinen Brustschmerz (Canto et al., JAMA 2012). Stattdessen standen Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Schmerzen im Oberbauch, Rücken oder Kiefer und eine ungewohnte Schwäche im Vordergrund. Ähnlich untypisch kann ein Infarkt bei älteren Menschen und bei Diabetikern verlaufen.

Das hat Folgen: In der Münchner MEDEA-Studie kamen Frauen ab 65 Jahren im Median erst nach 266 Minuten – also mehr als vier Stunden – in der Klinik an (Ladwig et al., Am J Cardiol 2017). Ein Drittel der Befragten in derselben Studienreihe glaubte, ein Herzinfarkt gehe immer mit starkem Brustschmerz einher.

So helfen Sie richtig – in fünf Schritten

Erste Hilfe in fünf Schritten

  1. 112
  2. Lagern
  3. Luft
  4. Da sein
  5. Drücken
1. Notruf 112Sofort anrufen und „Verdacht auf Herzinfarkt“ sagen. Lieber einmal zu früh als zu spät.
2. Oberkörper hochHinsetzen oder halbsitzend anlehnen lassen. Nicht laufen, nicht selbst zum Arzt fahren.
3. Enges öffnenKragen, Krawatte und Gürtel lockern, für frische Luft sorgen.
4. Beruhigen, nicht allein lassenRuhig zureden, zudecken, Bewusstsein und Atmung im Blick behalten.
5. Keine normale Atmung? Drücken!Sofort Herzdruckmassage, AED holen lassen und seinen Anweisungen folgen.
Nach dem Handbuch zur Ersten Hilfe der DGUV (Information 204-007) und den ERC-Leitlinien 2025.

1. Sofort den Notruf 112 wählen

Rufen Sie selbst an oder bestimmen Sie jemanden: „Sie da, rufen Sie 112 und kommen Sie zurück!“ Sagen Sie am Telefon ausdrücklich „Verdacht auf Herzinfarkt“ – dann schickt die Leitstelle gleich einen Notarzt mit. Beantworten Sie die Fragen und legen Sie erst auf, wenn die Leitstelle es sagt.

Zögern Sie nicht, weil die Person abwinkt. Ein Fehlalarm kostet nichts, ein zu später Anruf womöglich ein Leben. Und: Fahren Sie niemanden selbst ins Krankenhaus und lassen Sie die Person nicht selbst fahren – im Rettungswagen kann sofort behandelt und notfalls defibrilliert werden. Die Deutsche Herzstiftung sagt es deutlich: „Fahren Sie auf keinen Fall selbst!“

SoftAid-Mitarbeiter in Warnweste telefoniert im Freien
Der wichtigste Handgriff: der Anruf bei 112 – mit den Worten „Verdacht auf Herzinfarkt“.

2. Oberkörper hoch lagern, Anstrengung vermeiden

Lassen Sie die Person sich setzen oder halbsitzend anlehnen, etwa an eine Wand, einen Stuhl oder mit Kissen im Rücken. Ein erhöhter Oberkörper entlastet das Herz und erleichtert das Atmen. Die Person soll nicht mehr herumlaufen, keine Treppen steigen und nichts tragen – jede Anstrengung kostet das Herz Sauerstoff.

3. Enge Kleidung öffnen

Öffnen Sie Hemdkragen, Krawatte und Gürtel und sorgen Sie für frische Luft. Schirmen Sie die Person vor Schaulustigen ab.

4. Beruhigen und nicht allein lassen

Angst und Aufregung belasten das Herz zusätzlich. Sprechen Sie ruhig, erklären Sie, dass Hilfe unterwegs ist, und decken Sie die Person zu. Bleiben Sie bei ihr, bis der Rettungsdienst übernimmt, und behalten Sie Bewusstsein und Atmung im Blick. Schicken Sie, wenn möglich, jemanden los, der den Rettungsdienst am Eingang abholt – und jemanden, der den Defibrillator (AED) holt.

5. Keine normale Atmung? Sofort drücken!

Wird die Person bewusstlos und atmet nicht mehr normal, liegt ein Herz-Kreislauf-Stillstand vor. Jetzt zählt jede Sekunde: Rückenlage auf festem Untergrund, Handballen auf die Mitte der Brust (untere Hälfte des Brustbeins) und los.

Herzdruckmassage im Takt

Herzdruckmassage: Die Hände drücken die Brustmitte 5 bis 6 Zentimeter tief, 100 bis 120 Mal pro Minute5–6 cm
drücken …
  • 100–120 Mal pro Minute
  • 5–6 cm tief, Mitte der Brust
  • 30 : 2 oder nur drücken
ERC-Leitlinien 2025: 100 bis 120 Mal pro Minute, 5 bis 6 cm tief, Brustkorb nach jedem Druck ganz entlasten.
  • Tempo: 100 bis 120 Mal pro Minute – etwa im Takt von „Stayin’ Alive“.
  • Tiefe: mindestens 5, höchstens 6 cm, mit gestreckten Armen senkrecht von oben.
  • Beatmen: Wer es gelernt hat, macht 30 Drücke und 2 Beatmungen im Wechsel. Wer unsicher ist, drückt einfach ohne Pause weiter.
  • AED: Sobald der Defibrillator da ist, einschalten und den Sprachanweisungen folgen. Jeder darf ihn benutzen – man kann nichts falsch machen.
  • Nicht aufhören, bis der Rettungsdienst übernimmt. Sind mehrere Helfer da, alle 1 bis 2 Minuten abwechseln.
  • Unsicher? Die Leitstelle am Telefon leitet Sie Schritt für Schritt an.
Herzdruckmassage an einer Übungspuppe, daneben ein Tablet mit Monitorkurve
Im Kurs üben Sie die Herzdruckmassage an Puppen mit Rückmeldung – bis Tempo und Tiefe sitzen.

Dass sich das lohnt, zeigen große Studien: In Schweden überlebten 10,5 % der Menschen mit Herzstillstand die ersten 30 Tage, wenn Laien vor dem Rettungsdienst wiederbelebten – ohne Laienhilfe waren es nur 4,0 % (Hasselqvist-Ax et al., NEJM 2015). Setzten Laien bei Kammerflimmern einen AED ein, überlebten 66,5 % – kam der erste Schock erst vom Rettungsdienst, waren es 43 % (Pollack et al., Circulation 2018).

In Deutschland beginnen Ersthelfende inzwischen bei rund 53,5 % der Herzstillstände außerhalb des Krankenhauses mit der Wiederbelebung (Deutsches Reanimationsregister, Jahresbericht 2025). Das ist ein großer Fortschritt – aber noch immer bleibt fast jeder zweite Mensch ohne Hilfe, bis der Rettungswagen kommt.

Und was ist mit Aspirin und Nitrospray?

Diese Frage kommt in fast jedem Kurs. Die Antwort hat zwei Seiten:

Die Fachlage: Acetylsalicylsäure (ASS, „Aspirin“) hemmt die Blutgerinnung. In der großen ISIS-2-Studie mit 17.187 Patienten senkte ASS die Sterblichkeit nach einem Herzinfarkt um 23 % (Lancet 1988). Die neuen europäischen Leitlinien (ERC 2025) empfehlen deshalb, Menschen mit vermutlich herzbedingtem Brustschmerz zu unterstützen, früh 150 bis 500 mg ASS zu kauen – sofern keine Allergie und keine aktive Blutung vorliegt.

Die Regel für Ersthelfer in Deutschland: Betriebliche Ersthelferinnen und Ersthelfer geben grundsätzlich keine Medikamente – so die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV). Die deutschen Lehrunterlagen werden gerade an die Leitlinien 2025 angepasst; bis dahin gilt das Bisherige. Was Sie tun können: Hat die Person eigene, ärztlich verordnete Medikamente dabei – etwa ein Nitrospray bei bekannter Angina pectoris –, helfen Sie ihr bei der Anwendung. Ob ASS gegeben wird, entscheiden Leitstelle oder Rettungsdienst. Fragen Sie im Zweifel am Telefon nach.

Zwei SoftAid-Mitarbeiter stehen vor einem Rettungswagen am Straßenrand
Bis der Rettungsdienst übernimmt, bleiben Sie bei der Person – danach hilft eine kurze Übergabe: Was ist passiert, seit wann, was haben Sie getan?

Sicher werden: Üben statt nur lesen

Im Ernstfall greift kaum jemand auf einen gelesenen Text zurück – wohl aber auf das, was die Hände schon einmal geübt haben. In unseren Erste-Hilfe-Kursen trainieren Sie das Erkennen eines Herzinfarkts, den Notruf, die Herzdruckmassage und den Einsatz des Defibrillators an Übungspuppen. Für Unternehmen bilden wir betriebliche Ersthelfer aus – die Kosten übernimmt in der Regel die Berufsgenossenschaft.

Quellen

  • Djärv T et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 First Aid. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110752. doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110752
  • Smyth MA et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Basic Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110771. doi.org/10.1016/j.resuscitation.2025.110771
  • DGUV Information 204-007: Handbuch zur Ersten Hilfe (Ausgabe 2023) und DGUV-FAQ Erste Hilfe, Frage 1.7: Medikamente. dguv.de/fb-erstehilfe/faq
  • De Luca G et al. Time delay to treatment and mortality in primary angioplasty for acute myocardial infarction: every minute of delay counts. Circulation 2004;109:1223–1225. doi.org/10.1161/01.CIR.0000121424.76486.20
  • Canto JG et al. Association of age and sex with myocardial infarction symptom presentation and in-hospital mortality. JAMA 2012;307:813–822. doi.org/10.1001/jama.2012.199
  • Ladwig KH et al. Prehospital delay in women with STEMI (MEDEA-Studie). Am J Cardiol 2017;120:2128–2134. doi.org/10.1016/j.amjcard.2017.09.005
  • Shan Q et al. Presence and type of bystanders on delay time in acute myocardial infarction. Heart 2026. doi.org/10.1136/heartjnl-2025-327595
  • ISIS-2 Collaborative Group. Randomised trial of intravenous streptokinase, oral aspirin, both, or neither among 17,187 cases of suspected acute myocardial infarction. Lancet 1988;332:349–360. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2899772
  • Hasselqvist-Ax I et al. Early cardiopulmonary resuscitation in out-of-hospital cardiac arrest. N Engl J Med 2015;372:2307–2315. doi.org/10.1056/NEJMoa1405796
  • Pollack RA et al. Impact of bystander automated external defibrillator use on survival and functional outcomes in shockable observed public cardiac arrests. Circulation 2018;137:2104–2113. doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.117.030700
  • Fischer M et al. Jahresbericht des Deutschen Reanimationsregisters 2025. Anästh Intensivmed 2026;67:V83–V94.
  • Deutsche Herzstiftung (Hrsg.). Deutscher Herzbericht – Update 2026. herzstiftung.de

Dieser Beitrag ersetzt keinen Erste-Hilfe-Kurs und keine ärztliche Beratung. Im Notfall immer 112 wählen.

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